Im Gespräch: Michael Klotsche über seine Erfahrungen mit Mittlerer Technologie und Open Hardware

Michael KlotscheMichael Klotsche betreibt seit seinem Studium ein Ingenieur-Büro für Wärme- und Stoffübertragung und bloggt unter Nuevalandia.

Bitte erkläre kurz, wer Du bist und was Du machst.

Ich bin ein Mensch, der seit seiner Kindheit fasziniert ist von den Vorgängen, die in der Natur stattfinden. Bereits in meiner Kindheit habe ich als Bettlektüre Bücher über Naturwissenschaften oder wissenschaftliche Zeitschriften gelesen. Das hat sich bis heute nicht geändert und so hat es sich ergeben, dass ich Ingenieur für Maschinenwesen geworden bin.

Für mich persönlich liegt es auf der Hand, dass unser jetziger Umgang mit der Natur und unserer Technik bereits heute katastrophale Auswirkungen auf die Natur sowie auch auf unsere Gesellschaft zeigt. Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass die meisten Menschen weltfremd geworden sind. Wir sehen einfach nicht mehr den Aufwand, der hinter den alltäglichen Dingen steckt, sei es unser Essen, unser Handy oder unsere Kleidung. Durch unsere globale Wirtschaft sind wir von den direkten Konsequenzen unseres Konsums entkoppelt. Wir müssen den Sklaven in den Billiglohnländern nicht in die Augen sehen, wenn sie unsere Kleidung nähen und unsere Handys zusammenbauen.

 

Durch meine Arbeit möchte ich deshalb erreichen, dass die Dinge unseres täglichen Lebens wieder vermehrt regional produziert werden können. Eine Schlüsselrolle dafür spielen meiner Meinung nach Mittlere Technologien.

Du betreibst ein Ingenieurbüro für mittlere Technologien. Was verstehst Du darunter?

Die Definitionen für mittlere Technologien sind sehr vielfältig, und es gibt hier viele Missverständisse. Der Autor Ernst-Friedrich Schumacher beschreibt in seinem Buch "Small is beautiful" mittlere Technologien als Technologie, deren Investitionskosten pro Arbeitsplatz mit dem Einkommen eines Mannjahres bezahlt werden können.

Ich persönlich beschreibe Mittlere Technologien als technologische Konzepte regional bezahlbarer Maschinen, Herstellungsverfahren und Produkte, die es den Menschen ermöglichen, die Ressourcen ihrer Region nachhaltig zu nutzen um selbst ihre eigenen Lebensgrundlagen zu erschaffen. Das bedeutet aber auch, dass eine mittlere Technologie für jede Region anders ist. Was in Europa einen technologischen Rückschritt bedeutet, ist in anderen Teilen der Welt eine mittlere Technologie auf dem aktuell machbaren Stand der Technik. Hier ist seitens der Entwickler viel Einfühlsamkeit gegenüber den Menschen vor Ort gefordert.

Ich möchte hier gleich ein Missverständis beseitigen: Mittlere Technologien sind keine Öko-Technologie und kein Rückschritt in die "gute alte Zeit", als die Welt noch frei von Computern war. Bei der Entwicklung Mittlerer Technologien ist der neuste Stand der Technik zu berücksichtigen. Es geht hier darum, dass die Menschen wieder vermehrt Eigentümer ihrer Lebensgrundlagen werden.

Was genau arbeitest Du?

Ich führe Entwicklungsaufträge für mittelständische Betriebe durch, vertreibe zusammen mit einem Fertigungsbetrieb mein Eiserkennungssystem für Windkraftanlagen, arbeite als Energieberater, halte Vorträge an Fachhochschulen und Volkshochschulen und gebe ein mal die Woche Gitarrenunterricht an einer Grundschule, um auch mal das Büro zu verlassen. Zusätzlich engagiere ich mich innerhalb des Elbtaler Fördervereins e.V. für das Zustandekommen der Regionalwährung "Elbtaler" hier in Dresden.

Entspricht der Begriff "Mittlere Technologie" deiner Meinung nach dem englischen "appropriate technologies"?

Prinzipiell ja. Schaut man sich aber die Definition von "appropriate technologies" im englischsprachigen Wikipedia an, dann wird hier der Schwerpunkt auf den Einsatz in den Entwicklungsländern gesetzt. Ein Punkt, den aber Schumacher auch betont ist die Erreichung von wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit von den Eigentümern von Lebensgrundlagen.

Ernst-Friedrich Schumacher zitiert in seinem Buch "Small is Beautiful" (Seite 30) den Schriftsteller Aldous Huxley, der sich dafür ausgesprochen hat, "gewöhnliche Menschen" mit Produktionsmitteln auszustatten, so das diese Unabhängigkeit von "Bonzen" erlangen können. Das Eigentum an den Produktionsmitteln geht laut Huxley einher mit wirtschaftlicher und politischer Macht.

Ich persönlich sehe zusätzlich zu den Aspekten der Entwicklungshilfe auch den Aspekt der Machtverteilung in möglichst viele Hände - auch in den Industrieländern. Die Bevölkerung der Industrieländer hat längst einen Großteil ihrer Lebensgrundlagen und somit ihrer Macht freiwillig aus den Händen gegeben. Die Verteilung von Macht in Form von Produktionsmitteln und Lebensgrundlagen ist meiner Ansicht nach eine Form der Basisdemokratie.

Interessant ist übrigens, dass im deutschsprachigen Teil von Wikipedia unter dem Begriff "Mittlere Technologien" noch nichts zu finden ist. Das mag wohl daran liegen, dass Schumacher in England populär war, nicht aber in Deutschland.

Du beschreibst eine interessante Methode zur Finanzierung von Neuentwicklungen: der verkaufte Prototyp. Kannst Du das näher erläutern?

Ich habe bei meiner Arbeit in der Forschung an der Universität gesehen, wie Spitzenforschung praktiziert wird. Zuerst werden große Kredite aufgenommen, viel Eigenkapital bereitgestellt und Fördergelder beantragt und viel gekrochen. Dann wird ein großer Prototyp einer Anlage gebaut, an dem Versuche gemacht werden. Danach wandert der Prototyp auf den Schrottplatz. Eigentümer der gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse sind die Investoren des Forschungsprojekts. So wird die Forschung durch Finanzstarke Investoren dort vorangetrieben, wo die größten Renditen locken.

Doch was machen die Menschen, die kein Geld haben, aber dennoch auf Neuentwicklungen angewiesen sind? Hier gibt die Natur selbst eine Antwort: Eine kleine Nuß zum Beispiel enthält Fett, Stärke, Eiweiß und Nährstoffe. Die Nuß enthält also die Energie die nötig ist, damit der Keimling die ersten Wurzeln in die Erde treiben kann und die Keimblätter in das Sonnenlicht streckt. Sobald die ersten Blätter das Sonnenlicht erreichen, erzeugt die Pflanze ihre Energie selbst und wird mit der Zeit ein großer Nußbaum.

Wenn also eine neue Erfindung auf den Markt gebracht werden soll, so muss erst einmal ein Nutzer gefunden werden, der mit der Erfindung reale Erträge erwirtschaften könnte. Das ist analog zum Bild mit der Nuß zu betrachten: Zuerst muss der nötige Boden vorhanden sein. Darum wird zuerst nach einem Nutzer der Technologie gesucht. Danach wird ein funktionsfähiger und wirtschaftlich arbeitender Prototyp entwickelt und gefertigt, der dann an den Nutzer verkauft wird. Von dem Erlös aus dem Verkauf kann dann der Prototyp weiter entwickelt werden. Auf die Einzelheiten, wie man auf Anhieb einen funktionsfähigen Prototypen fertigt, kann ich später noch mehr erzählen.

Wichtig ist es, klein anzufangen, selbst wenn der Prototyp so klein ist, dass er in ein Bierglas passt. Nur herum zu sitzen und auf bessere Zeiten zu hoffen bringt gar nichts.

Wichtigste Frage in diesem Zusammenhang: wie kommst Du zu Kunden, die bereit sind für einen Prototypen zu bezahlen?

Ich höre den Menschen zu. Darum geht es. Überall dort, wo sich jemand beklagt, zum Beispiel wenn ein Klempner über Fettablagerungen in Abwasserleitungen klagt, überall dort ist ein potentieller Kunde. Ich spreche die Menschen die sich beklagen an und frage sie, was sie für einen Prototypen bezahlen würden.

Danach ermittle ich die Machbarkeit des Prototypen zu dem genannten Preis rechnerisch und modelliere ihn mathematisch in einem Tabellenkalkulationsprogramm. Wenn ich den Prototypen rechnerisch optimiert habe, konstruiere ich ihn so, dass er im Rahmen der Kosten bleibt. Auf diese Weise entwickle ich nicht am Markt vorbei.

Du hast Dir viele Gedanken zu neuen wirtschaftlichen Konzepten gemacht, unter anderem zu Selbstfinanzierung, Freie Hardware, Optimale Unternehmen. Hast Du bereits Erfahrungen damit gesammelt? Kennst Du andere Unternehmer, die diese Konzepte in die Praxis umsetzen?

Mit der Methode der Selbstfinanzierung habe ich bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Mein Eiserkennungssystem für Windkraftanlagen habe ich auf diese Weise entwickelt, ohne dabei Kredite aufnehmen zu müssen, Eigenkapital einzusetzen oder Zuschüsse zu bekommen. Nur meinen Lebensunterhalt musste ich für einige Monate selbst finanzieren. In der Software-Branche ist die Methode der Selbstfinanzierung ganz normal. Dort wird Software regelmäßig über Updates aktualisiert, während der Kunde diese bereits gekauft hat und nutzt.

Die Sache mit den Optimalen Unternehmen war zunächst ein theoretisches Postulat, das ich aufgrund meiner Beobachtung bezüglich der Konzentration von Macht aufgestellt habe. Ich habe mir die Frage gestellt, wie lassen sich wirtschaftliche Monopole selbstorganisierend zersetzen? Deshalb habe ich mir ein theoretisches Unternehmen gedacht, das um so durchsetzungsfähiger auf dem freien Markt wird, je kleiner es ist. Klein sein heißt aber auch, weniger Kunden beliefern zu können. So wird dieses Unternehme irgendwann eine optimale Größe annehmen und auch der Konkurrenz ihren Platz lassen - Daher der Name "Optimales Unternehmen".

Letztes Jahr habe ich auf dem Biobauernhof "Drachenmühle" in Schweta eine selbstorganisierende und hierarchiefreie Organisationsform kennengelernt, die die Eigenschaften eines Optimalen Unternehmens erfüllt. Es ging da um den Aufbau eines Biomeilers zu Warmwassererzeugung und für die Gewächshausheizung.

Die Freie Hardware ist ein Kapitel für sich mit ordentlich Zündstoff. Dabei geht es darum, Technologiemonopole zu brechen, die durch unser Patentwesen entstehen. Das Prinzip der Open Source Hardware ist, die Quelle, also die Erfindung selbst als Gebrauchsmusters anzumelden und diese dann der Öffentlichkeit frei zu Verfügung zu stellen. Jeder der möchte, kann dann auf dem Schutzrecht basierend kostenfrei seine eigenen Systeme entwickeln. Die Gebrauchsmuster, die ich besitze, lasse ich zum Beispiel einfach verfallen und ab dem Zeitpunkt sind sie frei.

Linux ist das Paradebeispiel für das Potential des Open Source Gedankens. Hier hat sich eine Vielfalt an Systemen entwickelt, die große Anbieter wie Microsoft meiner Erfahrung nach bereits hinter sich gelassen haben. Man denke nur daran, welche Auswirkungen der Open Source Gedanke bezüglich des Themas "Patente auf Kulturpflanzen" bedeuten würde. Hier gibt es noch viel zu tun.

Kannst Du die Organisations-Form in der Drachmühle bitte näher beschreiben?

Das Optimale Unternehmen, das ich erlebt habe, ist im Grunde genommen ein Workshop. Viele unabhängige Unternehmen handeln gemeinsam so, als ob sie ein einziges großes Unternehmen wären. Sie bündeln ihre Ressourcen auf ein Projekt und haben alle zusammen die Möglichkeiten, die auch ein sehr großes Unternehmen hat. Jedes dieser Unternehmen bleibt aber für sich unabhängig und geht außerhalb des Projekts seinem ganz normalen Tagesgeschäft nach. Es existiert keine Hierarchie und keine Weisungsbefugnis.

Koordiniert wird der ganze Workshop von einem "Focalizer" - das ist eine Art Moderator, der die Gespräche zwischen allen Beteiligten und das Treffen der verbindlichen Zusagen moderiert. Jedes beteiligte Unternehmen geht mit dem Kunden eine eigene verbindliche Vereinbarung ein. Selbst die Rolle des Focalizers ist nicht fest auf eine Person fixiert. Für bestimmte Aufgaben oder Projektphasen kann ein Spezialist für das jeweilige Aufgabengebiet die Moderation übernehmen. Dabei ist wichtig, dass das Ziel, also das, was bei dem Workshop herauskommen soll, von vornherein genau definiert ist. Der Kunde entscheidet, wie das Ziel auszusehen hat.

Die einzige Voraussetzung, die alle Beteiligten mitbringen müssen ist eine sach- und erfolgsorientierte Denkweise und die Bereitschaft, offen mit allen Beteiligten zu sprechen. Das Fehlen von Hierarchien macht schnelle Entscheidungen möglich und die Projektdurchführung geht sehr schnell vor sich. Wird der Workshop allerdings zu groß, wird er nur schwer koordinierbar.

Mein Eiserkennungssystem ist in einer ähnlichen Weise entstanden, wobei ich das heutige wissen über mittlere Technologien und optimale Unternehmen damals noch nicht hatte. Das hat mich viel "Lehrgeld" gekostet - es war keine leichte Zeit.

Zur Verwendung von Gebrauchsmustern: Du nutzt also Patente, um Patente von anderen zu verhindern? Die Gefahr ist, dass sich jemand ein Open Source Design unter den Nagel reisst, es patentieren lässt und dann dafür abkassieren kann.

Ja genau. Ich sage immer: Patente sind dazu da, damit man sie umgehen kann. Ein Patent bietet keine wirkliche Sicherheit auf eine Monopolstellung. Es macht aber eine weitere Patentierung der gleichen Erfindung unmöglich, da die Erfindung dann nicht mehr neu ist und das bedeutet Sicherheit.

Das schlimmste was einem Erfinder passieren kann ist, dass er Jahre an Arbeit in ein Produkt gesteckt hat und dann läßt eine Anwaltskanzlei seine Erfindung patentieren und verklagt den Erfinder auf Schadensersatz. Die Erpressermasche die daraufhin folgt ist völlig legal und kann einen Erfinder nachhaltig ruinieren. Ein Gebrauchsmuster kostet in Deutschland 40 € und schützt vor Patenthaien.

Du stellst fest, dass ein Netzwerk für mittlere Technologien wünschenswert, ja notwendig wäre. Existiert ein solches?

Ja. Es existiert bereits und hat schon immer existiert. Die meisten kreativen Menschen wissen nur nicht, dass sie bereits Teil eines existierenden skalenfreien Netzwerks sind. Es gibt da die sogenannte "Theorie der kleinen Welt". Diese besagt vereinfacht ausgedrückt, dass ein Mensch über durchschnittlich sieben Ecken die ganze Welt kennt, auch wenn die Zusammenhänge in der Realität etwas komplexer sind.

Es gibt so viele kreative Menschen, die mittlere Technologien aus ihrem gesunden Menschenverstand heraus anwenden. Ganz faszinierend finde ich zum Beispiel einen jungen Mann Namens William Kamkwamba aus Malawi. Er hat es geschafft Windräder aus den Materialien vor Ort zusammenzubauen und so sein ganzes Dorf mit Strom zu versorgen.

Ich schätze, dass die Menge an Beispielen für angewandte mittlere Technologien fast unüberschaubar groß ist. Viele kreativen Menschen glauben aber oft, dass sie allein sind, aber das stimmt nicht. Darum gilt es, kreativen Menschen bewußt zu machen, wie sie die Phänomene der skalenfreien Netzwerke und der Theorie der kleinen Welt bewußt nutzen können.Ein schönes Beispiel sind doch wir beide. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns zufällig unter 700 Millionen in Europa kennenlernen? Wahrscheinlich gewinne ich da eher im Lotto. In einem Skalenfreien Netzwerk ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher. Es ist eigentlich logisch: Jeder Mensch redet mit den Leuten über die Themen, von denen er glaubt, dass diese bei seinem Gegenüber auf Interesse stoßen. Wenn das Thema die Mittleren Technologien sind, dann bahnt sich das Gesprächsthema zielstrebig seinen Weg durch das Netzwerk und kommt bei den richtigen Personen an.

Die Blanko-Frage zum Schluss: was liegt Dir am Herzen?

Ich denke, das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt, denn es gibt so vieles, was mir am Herzen liegt. Freunde und meine Familie haben eine sehr große Bedeutung für mich. Am wichtigsten ist mir aber, dass ich mit mir selbst zufrieden bin. Das hört sich jetzt vielleicht egoistisch an, aber ich möchte dies kurz erläutern:

Mit sich selbst zufrieden zu sein, heißt für mich nicht, hochmütig zu sein, sondern den eigenen jetzigen Zustand einfach zu akzeptieren und daraus die Schlüsse für das eigene zukünftige Handeln zu ziehen. Ein Mensch, der mit sich selbst wirklich zufrieden ist, den kann man meiner Ansicht nach nicht kränken. Ein Mensch, der mit sich selbst zufrieden ist, wird auch nicht seine Ohren für die Worte anderer verschließen, um sein Ego zu schützen. Mir ist meine Zufriedenheit mit mir selbst deshalb so wichtig, damit ich offen sein kann für die Ansichten anderer Menschen, ohne dabei mich selbst aufgeben zu müssen. 

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